Archiv für Juni 2009

Der endgültige Klimawandel

Der endgültige Klimawandel

Wer die unsägliche Debatte zum Thema verfolgt, hat wahrscheinlich auch schon – vom ständigen sich die Hand dagegen schlagen – Wunde Stellen am Kopf.
Hierzu eine kleine Entgegnung.

1.Menschengemachtheit
Wer einfach menschengemacht oder (zu Distinktionszwecken) anthropogen sagt, will nicht unterscheiden zwischen dem Chef eines bspw. Rüstungs- oder Ölkonzerns, einem Hartz4-ler oder einer verhungernden Elendsgestalt in der Peripherie (bzw. 3., 4. oder 5… Welt). Sind ja alles Menschen und darum alle schuld. Welche Staaten, Unternehmen und sonstige Organisationen wie, warum und mit welchem Zweck in der Angelegenheit unterwegs sind, interessiert dann gar nicht mehr. Es müssen sich so eben alle Menschen am Riemen reißen, denn sie sind ja schuld am Klima. Es hilft in überhaupt nicht weiter, darauf zu verweisen, das der Klimawandel das Werk von Menschen ist, wenn man ihn erklären will. Menschen könn(t)en ihre Belange ganz unterschiedlich regeln, mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen! Tatsächlich ergibt sich, wenn man sich mal genauer betrachtet wie bspw. der CO2-Ausstoß zu Stande kommt, ein etwas anderes Bild, als eine schlichte Menschengemachtheit. Der hat nämlich System und Methode und die jeweiligen Verursacher gute Gründe, nationale Interessen und (eng damit verknüpft) Profitinteressen. Alle Protagonisten der Welt- und Wirtschaftspolitik sind ihrer nationalen Machtfülle (wirtschaftliche und militärische Schlagkraft) und ihrer wirtschaftlichen Machtfülle (Wachstum & Gewinn bzw. Wachstum der Gewinne) verpflichtet und befinden sich alle untereinander in ständiger Machtkonkurrenz. Die Zerstörung der Bedingungen für ein gutes oder überhaupt ein Leben für die allermeisten Menschen fällt dabei als ungewolltes, aber unvermeidbares Nebenprodukt eben an. Die Nationen und Unternehmen wollen einfach, dass der CO2-Ausstoß und die Umweltverschmutzung – wenn sie schon anfallen – nur bei der Wahrnehmung ihrer Interessen anfallen und nicht bei den anderen. Außerdem eröffnet Knappheit neue Märkte und gute Geschäftsgelegenheiten. Wie wäre es also mit dem vorzeitigen Erwerb von Top-Grundstücken in zukünftigen Hafenstädten in Arizona, Süd-Niedersachsen oder sonst irgendwo. Nestlé z.B. kauft fleißig Trinkwasserquellen und auch der Markt für (hoffentlich bald knappe) atembare Luft dürfte in der Zukunft viel versprechend aussehen. Der Klimawandel wird also nicht einfach von Menschen gemacht. Er wird von den jeweils aktuellen Funktionsträgern der Regierungen und Unternehmen mit den Menschen gemacht, solange die das mit sich machen lassen; und fällt als Nebenprodukt systemnotwendiger und -erhaltender Vorgänge des Kapitalismus an. Menschengemacht ist er insoweit, wie sich die vom Kapitalismus geschädigten Massen selbigen gefallen lassen und in ihm ihre Bürgerpflicht tun: Arbeiten & Einkaufen oder gefälligst endlich sterben.

2.Marginal Matters, bzw. Projekt Avoiding Pipifax
Konsumverzicht/Wir müssen uns alle einschränken

Oft wird behauptet die Ursache des Klimawandels läge darin, dass wir alle über unsere Verhältnisse leben/ gelebt hätten. Durch hemmungslosen Konsumismus verschleuderten wir die Ressourcen „unserer Erde“. Der ohnehin durch den Lohn stark beschränkte persönliche Konsum wird also zur Ursache allen Übels hochstilisiert. Man veranstaltet einfach einen Kult symbolischer Handlungen, mit dem angenehmen Nebeneffekt, sich nicht ernsthaft befassen zu müssen. Stattdessen macht man lieber einen auf moderner Ablasshandel.
Den großen Energieverbrauch und Schadstoffausstoß verursachen indes sowieso Militär, Staatsapparate und Industrie, gegen die der moralisch einwandfreie LOHA von heute aber auch nix gesagt haben will, außer der untertänigst vorgetragenen Bitte, doch auch bei der „guten Sache“ etwas mitzuhelfen. Wenn es hoch kommt das schwachbrüstige Menetekel der ach so schlimmen Imageschäden aus der Mottenkiste gekrochen.
Der Privatkonsum an Lebensmitteln, Energie, Mobilität etc. macht den allergeringsten Teil des CO2-Ausstoßes und der Umweltverschmutzung aus. Der privathaushaltliche Energieverbrauch verblasst gegen den von Militär und Industrie, der Lebensmittelkonsum gegen die Vernichtung unwirtschaftlicher Lebensmittelüberproduktion und der Autoverkehr verblasst z.B. gegen den Lastwagenverkehr, der sich materiell ohne weiteres „umweltschonend“ auf die Schiene verlegen ließe. Außerdem ließe sich der Energieverbrauch und CO2-Ausstoß von Pkws durch leichtere Bauweise und weniger Zusatzaggregate und weitere Modifikationen deutlich reduzieren. Auch ließen sich durch Ausbau und günstige Tarife des öffentlichen Nahverkehrs viele Fahrten überflüssig machen. Die in den Haushalten befindliche Technik ließe sich sehr viel energieeffizienter herstellen. Man könnte alle Geräte so konstruieren, dass sie wenig Energie verbrauchen, ressourcen- und umweltschonend hergestellt werden, lange halten und durch überall erhältliche Ersatzteile leicht zu reparieren wären. Das wäre materiell und technisch alles schon lange möglich. Es liegt aber nicht in der Wahl der großen Masse der lohnabhängigen Konsumenten die sich mit ihrem chronisch schmalen Geldbeutel gerade mal Gammelfraß und den letzten Billigschrott leisten können, der dann bei der nächst besten Gelegenheit kaputt geht, jede Menge Müll verursacht und dabei lauter Gift- und Schadstoffe enthält. Da kann sich der ebenso oder etwas weniger knapp bestückte LOHA sich dann bei seinen quasi-religiösen Praktiken allen möglichen Unsinn denken und dabei in der schönen Gewissheit sonnen, dass nichts was er tut irgendwelche positiven Folgen zeitigen wird; und den bösen Armen Discounterkunden auch noch die Schuld geben an dem Fraß, den sie fressen müssen und dem Schrott, den sie sich nur leisten können. Ja ja diese moralisch verkommenen Armen, wollen doch tatsächlich satt werden und sich in ihrem tristen Leben auch mal was gönnen. Sollen sie doch den Gürtel noch enger um den ausgemergelten Leib ziehen. Ein großer Teil der gesamten Produktion wird jährlich vernichtet, da er die Preise verderben würde. Wahrscheinlich ließe sich der größte Teil der Umweltverschmutzung und des CO2-Ausstoßes vermeiden, wenn a) bedürfnisorientiert produziert würde und b) die Energieereugungs-, Produktions- und Transporttechnik auf möglichst geringen Schadstoffausstoß, Ressourcenverbrauch und hohe Umweltverträglichkeit hin verändert würde. Leute die täglich mit dem Privatjet unterwegs sind erzählen der armen Sau vor Fernseher, Radio und Internet sie solle sich für ihren jährlichen Charterflug schämen. Tatsächlich wird sich brav geschämt und der Ablasshandel blüht.
Mit Konsumverzicht und umweltschonendem Verhalten ist also kein Blumentopf gewonnen. Das Problem liegt in der Produktion und der Politik der Staaten, nicht im Konsum, begründet durch die historischen Formen Nationalstaat und Kapital, die die bürgerliche Gesellschaft als parlamentarische Demokratie/Kapitalismus konstituieren und ihre Gesetzmäßigkeiten. In dieser Sphäre haben die meisten als Lohnabhängige/Staatsbürger nichts zu melden, sondern sie stellen bloß ihr menschliches Material dar, dass ebenso wie die Umwelt beim Gang der Geschäfte verschlissen wird.

3.Wir müssen was tun!
(sonst fangen wir am Ende noch das Nachdenken an)

„Tu was!“, tönt aus Fernsehen und Radio und blinkt es auf Pop ups und Bannern. Schütze den Regenwald, durch Trinken des richtigen Kaffees, richtigen Biers, Tragen der richtigen Kleidung usw., blökt die Prominenz. Oder werde Mitglied bei irgendeiner sinnlosen NGO oder – wenn gar nichts mehr einzufallen droht – sogar bei den Grünen. So kann man dauernd etwas tun, mit der süßen Gewissheit, dass sich dadurch nichts ändert. Aber Hey es geht ja um ein Lebensgefühl und moralische Überlegenheit/Distinktion (z.B. qua Ablasshandel).
Da lasse ich mir doch gerne vergammeltes Obst zum doppelten Preis andrehen, ich tue ja irgendwas. Natürlich könnte ich genauso gut meinen Nachtisch anbeten oder in die Kirche eintreten. Aber erstens ist immer nur eine bestimmte (und gewinnträchtige) Spinnerei angesagt, nicht jede beliebige und zweitens ist Aberglaube von gestern eben nicht von heute. Ich will aber unbedingt den von heute. Also ab ins (klima- wie autotechnisch völlig unsinnige) Hybridauto und den von artgerecht gehaltenen Kindern gehäkelten Pullover aus 100%-Öko-Wolle. Alle meine Lebensmittel müssen Fair gehandelt sein, also nur 80% Ausbeutung und 20% Hubba Bubba und nur doppelt so teuer bei 2% Mehrkosten für den Konzern. Schade nur dass sich nicht alle meine Religion leisten können und in Discountern einkaufen, pfui. Und das nur weil sie bei dem schmalen Lohn den halben Monat hungern müssten um sich den tollen Öko-Eso-Kram zu leisten.