Archiv für August 2009

Wie geht eigentlich Massenloyalität II

Hegemonie ist keine Strategie, Gesellschaft dominierender Gruppen. Hegemonie muss vielmehr, immer wieder, auf verschiedenen gesellschaftlichen „Kampfplätzen“ errungen werden.
Sie beschreibt den konflikthaften Prozess, in dessen Kontinuität, sich kapitalistische Gesellschaften immer wieder neu konstituieren und stabilisieren. Hegemonie ist eine Begrifflichkeit, die die hohe Dynamik, Komplexität und Gewaltförmigkeit von Sozialität beschreibt.
Dennoch bedeutet Hegemonie Vorherrschaft von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen. Diese Vorherrschaft beruht stark auf der Kompetenz, Konsens, also „Einverständnis“ auf breiter gesellschaftlicher Ebene zu organisieren respektive aufzuherrschen. Zwang verschwindet nicht aus der Gesellschaft, er tritt lediglich etwas in den Hintergrund und kann bei Bedarf, z.B. wenn die Freiheit am Hindukusch verteidigt werden muss, abgerufen werden. Allerdings würde es das gesellschaftliche Gefüge bürgerlich kapitalistischer Nationen aus dem Gleichgewicht gebracht haben, hätte man in ihnen ständig mit direkter Gewalt bzw. direktem Zwang operiert. Gramsci greift deswegen auf die Metapher einer Schlacht im Schützengraben zurück, in deren Verlauf immer nur wenige Meter erobert bzw. zurückerobert werden, statt die „Trutzburg“ des Gegners direkt anzugreifen.
Eine der Fragen die Gramsci dementsprechend intensiv beschäftigten, war die nach der enormen Kompetenz, der bürgerlich-kapitalistischen Zivilisationen, Konsens zu organisieren. Er beantwortet sie teilweise in einem Artikel des Il Grido del Popolo vom 29. Januar 1916, in dem er die Französische Revolution folgendermaßen kommentiert: „ Jede neue Komödie Voltaires, jedes neue Pamphlet war wie ein Funke, der längst der von Staat zu Staat, von Land zu Land gespannten Drähte übersprang und Zustimmende und Ablehnende überall und zu gleicher Zeit fand. Die Bajonette der napoleonischen Armeen fanden bereits den Weg von einem unsichtbaren Heer von Büchern und Broschüren geebnet, die von Paris seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgeschwärmt waren und Menschen und Institutionen für die notwendige Erneuerungen vorbereitet hatten“. Der militärischen Aktion ging also eine kulturelle Offensive voraus.
Seitdem haben es bürgerliche Gesellschaftsformationen fertig gebracht ihre Vorherrschaft immer wieder zu reartikulieren. Entscheidend ist ihre Fähigkeit, kritische Tendenzen zu absorbieren und zur Stabilisierung von Hegemonie zu nutzen, wie das z.T. mit Frauen- oder Umweltbewegungen geschehen ist: „Die bürgerliche Klasse setzt sich selbst als einen in beständiger Bewegung befindlichen Organismus, der in der Lage ist, die gesamte Gesellschaft aufzusaugen, indem er sie seinem kulturellen und ökonomischen Niveau angleicht: die gesamte Staatsfunktion wird transformiert: der Staat wird „Erzieher“,…“(Gramsci). Bewusst spricht Gramsci hier von „Erziehung“, denn es geht nicht nur darum Konsens bzw. „Massenkonformismus“ zu organisieren, sondern immer auch, auf jeweils höherem Niveau, den dem Entwicklungsstand der gegenwärtigen ökonomischen Zivilisation adäquaten Menschen zu enkulturieren.
Gramsci nennt solche Prozesse „passive Revolutionen.“ Eine von „unten“artikulierte Kritik, z.B. an AKW`s, wird aufgegriffen und unter Ausschluss der „Massen“, von Entscheidungsgewalt, zur Re-Formierung hegemonialer Strukturen genutzt.
Hegemonie hängt von unterschiedlichen Bedingungen ab, sie ist untrennbar mit der ökonomischen bzw. politischen Situation in Gesellschaft verbunden. Gramsci erweitert das Marxsche Basis-Überbau Modell, indem er die Gesellschaft in drei Sphären untergliedert. Die Sphäre der gesellschaftlichen Produktion, die politische Sphäre sowie die Sphäre der Zivilgesellschaft.
Die Sphäre der gesellschaftlichen Produktion wird beherrscht von den spezifisch kapitalistischen Produktionsverhältnissen mit all ihren Erscheinungsformen, also vertraglich geregelter Kauf bzw. Verkauf der Ware Arbeitskraft, Produktion und Reproduktion, Akkumulation, Eigentum etc.
In die politische Sphäre kann man, krude gesprochen, die Administration, Justiz, Polizei sowie das Militär einordnen. Aber auch Bildungs- und Familienpolitik, die Absicherung und Organisation von Sozial- und Arbeitslosenversicherungen, also all das, was unter dem Oberbegriff Sozialpolitik firmiert.
Die Sphäre der Zivilgesellschaft ist der Ort der Privatinstitutionen, der Familie, der Vereine, der Kirche, der Ort der Kultur. Hier wird das organisiert was Gramsci „kulturelle Hegemonie“ nennt.
Diese drei Sphären dürfen nicht getrennt voneinander gedacht werden. Sie sind „organisch“ verbunden. Die Sphäre der Zivilgesellschaft ist dialektisch zwischen die beiden anderen Sphären eingepasst, gleichzeitig durchzieht sie die gesamte Gesellschaft. Gramsci bezeichnet die Zivilgesellschaft als das „Stockwerk“ zwischen Struktur und Superstruktur im gesellschaftlichen Gebäude. Möchte man sich die Zivilgesellschaft als einen gesellschaftlichen „Ort“ vorstellen, so wird dort nicht nur kulturelle Hegemonie konstituiert, sondern auch Kritik artikuliert und sehr häufig, mit ihrem Erscheinen, absorbiert. Hegemonie ist immer nur relativ stabil und befindet sich in kontinuierlicher Dynamik.
Hier sei noch einmal ausdrücklich betont, das Zwang, neben aller passiven Revolution und mehr oder weniger subtiler Konstitution von Hegemonie, nicht verschwindet. Er tritt lediglich in den Hintergrund. Zu spüren bekommen ihn Gruppen die sich weder aktiv noch passiv subalternieren.
Von besonders hervorzuhebender Bedeutung für hegemoniale Projekte, ist die Gruppe der Intellektuellen. Dazu muss zunächst festgehalten werden, dass Gramsci in jedem Menschen einen Intellektuellen sah, da jeder Mensch in gewisser Hinsicht und gewissem Umfang mit seinem Verstand arbeitet. Er war der Auffassung, dass zwar jeder Mensch ein Intellektueller sei, aber nicht jeder als Intellektueller fungiere. Gramsci unterscheidet hier anhand der gesellschaftlichen Funktion die, wie er völlig richtig bemerkt, mit der beruflichen Qualifikation bzw. dem Akademischem Titel korreliert.
Gramsci unterscheidet zwei Hauptkategorien von Intellektuellen: die sog. organischen sowie die traditionellen Intellektuellen. „Jede gesellschaftliche Gruppe schafft sich, während sie auf dem originären Boden einer wesentlichen Funktion in der Welt der ökonomischen Produktion entsteht, zugleich organisch eine oder mehrere Schichten von Intellektuellen, die ihr Homogenität und Bewusstheit der eigenen Funktion nicht nur im ökonomischen, sondern auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich geben: der kapitalistische Unternehmer schafft mit sich den Techniker der Industrie, den Wissenschaftler der politischen Ökonomie, den Organisator einer neuen Kultur, eines neuen Rechts usw. usf….“ (Gramsci). Organische Intellektuelle sind, vergleichbar mit menschlichen Organen, spezielle „Funktionsausprägungen.“ Sie sind Träger spezieller Fähigkeiten und repräsentieren die gesellschaftliche Gruppe, die sie hervorgebracht hat. Henry Ford, der Namensgeber des Fordismus, ist einer der wichtigsten „organischen“ Intellektuellen des Spätkapitalismus. Er vereint in sich den Geschäftsmann, den Techniker und nicht zuletzt den Ideologen dieser entscheidenden Phase des Kapitalismus.
Jede maßgebliche gesellschaftliche Gruppe entwickelt sich im „Schoß“ der vorhergehenden ökonomischen Strukturen. Fragmente dieser Strukturen überdauern, als Relikte, den Niedergang der ökonomischen Gesellschaften. Gramsci will z.B. in den Kirchenmännern „Relikte“ aus alter Zeit erblicken, die verschiedene Gesellschaftsformationen überdauerten. Damit werden sie zu dem was er die traditionellen Intellektuellen nennt: „Die typischste dieser Intellektuellenkategorien ist die der Kirchenmänner, die lange Zeit (während einer ganzen historischen Phase, die sogar durch dieses Monopol zum Teil gekennzeichnet ist) einige wichtige Dienstleistungen monopolisiert hatten: die religiöse Ideologie, das heißt die Philosophie und die Wissenschaft der Epoche, einschließlich der Schule, des Bildungswesens, der Moral, der Justiz, der Wohltätigkeit, der Fürsorge usw.“ (Gramsci). Der Klerus repräsentierte, Gramsci zufolge, die organische Intellektualität der Aristokratie und hatte somit eine Monopolstellung in der gesellschaftlichen „Superstruktur“ bzw. dem gesellschaftlichen Überbau. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen (z.B. Teilen des Bürgertums) über unterschiedliche historische Epochen hinweg, entwickelte sich aus dieser Monopolstellung des Klerus „(…)allmählich der Amtsadel mit seinen eigenen Privilegien heraus; eine Schicht von Verwaltern usw., Wissenschaftler, Theoretiker, nichtkirchliche Philosophen usw.“ (Gramsci).
So entwickeln sich aus diesen Schichten von traditionellen Intellektuellen, einer überkommenen Gesellschaftsformation, die organischen Intellektuellen der nächsten ökonomischen Zivilisation.
Die traditionellen Intellektuellen, die den gesellschaftlichen Wandel überdauerten empfinden, mit Gramsci gesprochen, so etwas wie Korps-Geist. Es handelt sich um gesellschaftliche Eliten, die eine bestimmte, für kapitalistische Zivilisationen typische Berufshierarchie repräsentieren. Sie betrachten sich selbst als „klassenunabhängige“ Gruppen, die den herrschenden Gruppen rel. nahe stehen.
Bildet nun eine neue maßgebliche gesellschaftliche Gruppe (z.B. das Proletariat) eine oder mehrere Schichten organischer Intellektueller aus, so hängt der Erfolg dieser Gruppe, beim Kampf um gesellschaftliche Hegemonie, im wesentlichen davon ab, ob ihre Intellektuellen es fertigbringen, eine derart starke Anziehungskraft auf die traditionellen Intellektuellen auszuüben, dass diese assimiliert werden.