Archiv für September 2009

Wahlen

„Die Stimmabgabe jedes einzelnen Wählers hat also für den Gang der Geschicke eines Volkes ebensoviel zu bedeuten wie der Rauch einer Zigarre, der sich im weiten Raum einer Wolke beimischt, für den Niederschlag eines Gewitters.“ (Erich Mühsam) So äußerte sich Mühsam vor 102 Jahren zum alle Jahre wiederkehrenden Wahlspektakel, in parlamentarischen Demokratien. Einen ähnlichen Standpunkt lässt B.F. Skinner, in seinem Buch „Futurum Zwei“, einen seiner Protagonisten beziehen, der sinngemäß wiedergegeben, die Behauptung in den Raum stellt, dass das Kreuz auf dem Wahlschein in etwa so aussagekräftig sei, wie das Kreuz auf einem Lotterielos, welches keinen Gewinn brachte. Auch der „junge“ Luhmann äußerte sich skeptisch zum „System“ der parlamentarisch, demokratischen Wahlen. In einem 1975 verfassten Aufsatz bezeichnet er sie als Ritual, das dem Bürger den Eindruck vermittelt seine Umgebung- damals waren es noch keine Systeme- beeinflussen zu können. Inhaltlich glichen sich Parteien in ihrem Konkurrenzkampf um Macht immer weiter an, so Luhmann. Wenn man davon ausgeht das Konkurrenz, z.B. wenn es um Preise auf einem Wochenmarkt geht, eher zu einer Konvergenz der Kontrahenten, als zu einer verstärkten Divergenz führt, hat er damit recht.
Was also soll das Spektakel?
Erich Mühsam meint Wahlen seien die Möglichkeit des Volkes sich an den Pissoirwänden der Nation zu verewigen. Es geht also um das Gefühl, um die Möglichkeit der Einflussnahme. Die Wahlen haben etwas gemein mit der Reviermarkierung von Hunden oder Wölfen, folgt man Mühsams Argumentation konsequent. Man möchte einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Warum aber dann die regelmäßigen Wiederholungen? Warum alle Jahre wieder die gleiche Schlammschlacht? Luhmann betont den Ritualcharakter. Es geht u.a. um die kontinuierliche Erneuerung dieses Gefühls, des sich auf dem Abort Verewigens. Als wäre diese Wahrnehmung, dieser Glaube an den Wahlfetisch etwas, dass sich nach geraumer Zeit aufbraucht, etwas dass immer wieder aktualisiert werden muss.
Wahlen werden in der Bürgerwelt immer gerne als politisches Stimmungsparameter dargestellt, doch glaubt Mühsam, spiegeln sie nichts weiter als den Wunsch des Massenmenschen wieder, sich aus eben jener Masse hervorzuheben.
Dass es sich bei Wahlen um fetischartige Objektivierungen handelt erkennt man schnell daran, dass, wie Luhmann ganz richtig betont, die Parteien sich inhaltlich immer „ähnlicher“ werden, es also auch keinen Unterschied macht wer das Heft in der Hand hält.
Diese Ähnlichkeiten verstärken sich durch die Tatsache, dass es die Deutschen mit vier bis fünf, mal mehr, mal weniger, maßgeblichen Parteien zu tun haben. Natürlich gibt es auch die ein oder andere kleinere Partei, für den etwas ausgefalleneren Geschmack. Da ist eigentlich für jeden etwas dabei. Von rel. links Außen bis zum rechten Rand kann sich jeder wieder finden, im bunten Potpourri der Parteienlandschaft. Auf diese Weise wird ein breites Bedürfnisspektrum abgedeckt.
Macht verleiht man den Wahlen über sich, indem man hingeht, sein Kreuz macht, selbstzufrieden nach Hause oder vielleicht in die nächste Kneipe geht, sich volllaufen lässt und glaubt etwas bewirkt zu haben. Wahlen sind ein elementarer Bestandteil der Massenloyalität organisierenden „Systematik“ von bürgerlich, kapitalistischen Gesellschaften. Mit der Überzeugung von der Wirksamkeit von Wahlen verleihen die Subjekte Verhältnissen Macht über sich, die sie objektiv eigentlich gar nicht haben.
Hier von falschem Bewusstsein zu sprechen greift aber leider zu kurz! Ohne den Kapitalismus und das aktual zugehörige bürgerlich, parlamentarische Politsystem auf eine psychologische Problematik reduzieren zu wollen, würde ich von einer Form von kollektiv Neurose sprechen.
Bei Wahlen geht es angeblich darum, dass politisch informierte Menschen für eine bestimmte Periode, bestimmte andere Menschen mit einem Mandat betrauen.
Doch von einer wirklich politisch informierten Überzeugung kann man wahrscheinlich bei den wenigsten Wahlgängern ausgehen. Ein wichtiges, diese These stützendes Indiz, liefert ein kurzer Blick auf die Wahlplakate sowie in die Wahlwerbespots. Wo er vorhanden, da verkauft sich der Sex. „Mit Arsch in der Hose ins Parlament“ tönt Wawzyniak von der „Linken“. „Wir haben die Kraft für alles Mögliche“ lässt sich Angie vernehmen und gewährt dabei, so lasziv wie es ihr möglich ist lächelnd, tiefe Blicke in ihr Dekolleté. Den Vogel abgeschossen haben die Grünen mit ihrem Plakat auf dem zwei weiße Hände mit rot lackierten Fingernägeln einen schwarzen Arsch begrapschen und dass ganze mit den Worten: „Der einzige Grund Schwarz zu wählen.“, kommentieren. Da muss man sich doch wirklich fragen, ob den Ökos jemand ins Hirn geschissen hat. Auch Steinmeier, dessen Werbepoeten sich offensichtlich für die Strategie „Tränendrüse“ entschieden haben, glänzt weniger mit Inhalten, als vielmehr mit seiner schicken Brille. Auch zu diesem, tendenziell eher inhaltsarmen bis inhaltslosen ‚Wahlkampfverhalten hat Mühsam einen schönen Kommentar parat. Er meint es geht gar nicht um Inhalte, zumindest nicht vor der Wahl. Inhalte lassen sich nach einer Wahl, gleichsam als rückwirkende Begründung für den ganzen Tanz finden. Während des Wahlkampfs hat die Motivation eher etwas vom „Mitfiebern“ während eines Pferderennens, als von politischem Interesse.