Archiv der Kategorie 'Massenloyalität'

Wahlen

„Die Stimmabgabe jedes einzelnen Wählers hat also für den Gang der Geschicke eines Volkes ebensoviel zu bedeuten wie der Rauch einer Zigarre, der sich im weiten Raum einer Wolke beimischt, für den Niederschlag eines Gewitters.“ (Erich Mühsam) So äußerte sich Mühsam vor 102 Jahren zum alle Jahre wiederkehrenden Wahlspektakel, in parlamentarischen Demokratien. Einen ähnlichen Standpunkt lässt B.F. Skinner, in seinem Buch „Futurum Zwei“, einen seiner Protagonisten beziehen, der sinngemäß wiedergegeben, die Behauptung in den Raum stellt, dass das Kreuz auf dem Wahlschein in etwa so aussagekräftig sei, wie das Kreuz auf einem Lotterielos, welches keinen Gewinn brachte. Auch der „junge“ Luhmann äußerte sich skeptisch zum „System“ der parlamentarisch, demokratischen Wahlen. In einem 1975 verfassten Aufsatz bezeichnet er sie als Ritual, das dem Bürger den Eindruck vermittelt seine Umgebung- damals waren es noch keine Systeme- beeinflussen zu können. Inhaltlich glichen sich Parteien in ihrem Konkurrenzkampf um Macht immer weiter an, so Luhmann. Wenn man davon ausgeht das Konkurrenz, z.B. wenn es um Preise auf einem Wochenmarkt geht, eher zu einer Konvergenz der Kontrahenten, als zu einer verstärkten Divergenz führt, hat er damit recht.
Was also soll das Spektakel?
Erich Mühsam meint Wahlen seien die Möglichkeit des Volkes sich an den Pissoirwänden der Nation zu verewigen. Es geht also um das Gefühl, um die Möglichkeit der Einflussnahme. Die Wahlen haben etwas gemein mit der Reviermarkierung von Hunden oder Wölfen, folgt man Mühsams Argumentation konsequent. Man möchte einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Warum aber dann die regelmäßigen Wiederholungen? Warum alle Jahre wieder die gleiche Schlammschlacht? Luhmann betont den Ritualcharakter. Es geht u.a. um die kontinuierliche Erneuerung dieses Gefühls, des sich auf dem Abort Verewigens. Als wäre diese Wahrnehmung, dieser Glaube an den Wahlfetisch etwas, dass sich nach geraumer Zeit aufbraucht, etwas dass immer wieder aktualisiert werden muss.
Wahlen werden in der Bürgerwelt immer gerne als politisches Stimmungsparameter dargestellt, doch glaubt Mühsam, spiegeln sie nichts weiter als den Wunsch des Massenmenschen wieder, sich aus eben jener Masse hervorzuheben.
Dass es sich bei Wahlen um fetischartige Objektivierungen handelt erkennt man schnell daran, dass, wie Luhmann ganz richtig betont, die Parteien sich inhaltlich immer „ähnlicher“ werden, es also auch keinen Unterschied macht wer das Heft in der Hand hält.
Diese Ähnlichkeiten verstärken sich durch die Tatsache, dass es die Deutschen mit vier bis fünf, mal mehr, mal weniger, maßgeblichen Parteien zu tun haben. Natürlich gibt es auch die ein oder andere kleinere Partei, für den etwas ausgefalleneren Geschmack. Da ist eigentlich für jeden etwas dabei. Von rel. links Außen bis zum rechten Rand kann sich jeder wieder finden, im bunten Potpourri der Parteienlandschaft. Auf diese Weise wird ein breites Bedürfnisspektrum abgedeckt.
Macht verleiht man den Wahlen über sich, indem man hingeht, sein Kreuz macht, selbstzufrieden nach Hause oder vielleicht in die nächste Kneipe geht, sich volllaufen lässt und glaubt etwas bewirkt zu haben. Wahlen sind ein elementarer Bestandteil der Massenloyalität organisierenden „Systematik“ von bürgerlich, kapitalistischen Gesellschaften. Mit der Überzeugung von der Wirksamkeit von Wahlen verleihen die Subjekte Verhältnissen Macht über sich, die sie objektiv eigentlich gar nicht haben.
Hier von falschem Bewusstsein zu sprechen greift aber leider zu kurz! Ohne den Kapitalismus und das aktual zugehörige bürgerlich, parlamentarische Politsystem auf eine psychologische Problematik reduzieren zu wollen, würde ich von einer Form von kollektiv Neurose sprechen.
Bei Wahlen geht es angeblich darum, dass politisch informierte Menschen für eine bestimmte Periode, bestimmte andere Menschen mit einem Mandat betrauen.
Doch von einer wirklich politisch informierten Überzeugung kann man wahrscheinlich bei den wenigsten Wahlgängern ausgehen. Ein wichtiges, diese These stützendes Indiz, liefert ein kurzer Blick auf die Wahlplakate sowie in die Wahlwerbespots. Wo er vorhanden, da verkauft sich der Sex. „Mit Arsch in der Hose ins Parlament“ tönt Wawzyniak von der „Linken“. „Wir haben die Kraft für alles Mögliche“ lässt sich Angie vernehmen und gewährt dabei, so lasziv wie es ihr möglich ist lächelnd, tiefe Blicke in ihr Dekolleté. Den Vogel abgeschossen haben die Grünen mit ihrem Plakat auf dem zwei weiße Hände mit rot lackierten Fingernägeln einen schwarzen Arsch begrapschen und dass ganze mit den Worten: „Der einzige Grund Schwarz zu wählen.“, kommentieren. Da muss man sich doch wirklich fragen, ob den Ökos jemand ins Hirn geschissen hat. Auch Steinmeier, dessen Werbepoeten sich offensichtlich für die Strategie „Tränendrüse“ entschieden haben, glänzt weniger mit Inhalten, als vielmehr mit seiner schicken Brille. Auch zu diesem, tendenziell eher inhaltsarmen bis inhaltslosen ‚Wahlkampfverhalten hat Mühsam einen schönen Kommentar parat. Er meint es geht gar nicht um Inhalte, zumindest nicht vor der Wahl. Inhalte lassen sich nach einer Wahl, gleichsam als rückwirkende Begründung für den ganzen Tanz finden. Während des Wahlkampfs hat die Motivation eher etwas vom „Mitfiebern“ während eines Pferderennens, als von politischem Interesse.

Wie geht eigentlich Massenloyalität II

Hegemonie ist keine Strategie, Gesellschaft dominierender Gruppen. Hegemonie muss vielmehr, immer wieder, auf verschiedenen gesellschaftlichen „Kampfplätzen“ errungen werden.
Sie beschreibt den konflikthaften Prozess, in dessen Kontinuität, sich kapitalistische Gesellschaften immer wieder neu konstituieren und stabilisieren. Hegemonie ist eine Begrifflichkeit, die die hohe Dynamik, Komplexität und Gewaltförmigkeit von Sozialität beschreibt.
Dennoch bedeutet Hegemonie Vorherrschaft von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen. Diese Vorherrschaft beruht stark auf der Kompetenz, Konsens, also „Einverständnis“ auf breiter gesellschaftlicher Ebene zu organisieren respektive aufzuherrschen. Zwang verschwindet nicht aus der Gesellschaft, er tritt lediglich etwas in den Hintergrund und kann bei Bedarf, z.B. wenn die Freiheit am Hindukusch verteidigt werden muss, abgerufen werden. Allerdings würde es das gesellschaftliche Gefüge bürgerlich kapitalistischer Nationen aus dem Gleichgewicht gebracht haben, hätte man in ihnen ständig mit direkter Gewalt bzw. direktem Zwang operiert. Gramsci greift deswegen auf die Metapher einer Schlacht im Schützengraben zurück, in deren Verlauf immer nur wenige Meter erobert bzw. zurückerobert werden, statt die „Trutzburg“ des Gegners direkt anzugreifen.
Eine der Fragen die Gramsci dementsprechend intensiv beschäftigten, war die nach der enormen Kompetenz, der bürgerlich-kapitalistischen Zivilisationen, Konsens zu organisieren. Er beantwortet sie teilweise in einem Artikel des Il Grido del Popolo vom 29. Januar 1916, in dem er die Französische Revolution folgendermaßen kommentiert: „ Jede neue Komödie Voltaires, jedes neue Pamphlet war wie ein Funke, der längst der von Staat zu Staat, von Land zu Land gespannten Drähte übersprang und Zustimmende und Ablehnende überall und zu gleicher Zeit fand. Die Bajonette der napoleonischen Armeen fanden bereits den Weg von einem unsichtbaren Heer von Büchern und Broschüren geebnet, die von Paris seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgeschwärmt waren und Menschen und Institutionen für die notwendige Erneuerungen vorbereitet hatten“. Der militärischen Aktion ging also eine kulturelle Offensive voraus.
Seitdem haben es bürgerliche Gesellschaftsformationen fertig gebracht ihre Vorherrschaft immer wieder zu reartikulieren. Entscheidend ist ihre Fähigkeit, kritische Tendenzen zu absorbieren und zur Stabilisierung von Hegemonie zu nutzen, wie das z.T. mit Frauen- oder Umweltbewegungen geschehen ist: „Die bürgerliche Klasse setzt sich selbst als einen in beständiger Bewegung befindlichen Organismus, der in der Lage ist, die gesamte Gesellschaft aufzusaugen, indem er sie seinem kulturellen und ökonomischen Niveau angleicht: die gesamte Staatsfunktion wird transformiert: der Staat wird „Erzieher“,…“(Gramsci). Bewusst spricht Gramsci hier von „Erziehung“, denn es geht nicht nur darum Konsens bzw. „Massenkonformismus“ zu organisieren, sondern immer auch, auf jeweils höherem Niveau, den dem Entwicklungsstand der gegenwärtigen ökonomischen Zivilisation adäquaten Menschen zu enkulturieren.
Gramsci nennt solche Prozesse „passive Revolutionen.“ Eine von „unten“artikulierte Kritik, z.B. an AKW`s, wird aufgegriffen und unter Ausschluss der „Massen“, von Entscheidungsgewalt, zur Re-Formierung hegemonialer Strukturen genutzt.
Hegemonie hängt von unterschiedlichen Bedingungen ab, sie ist untrennbar mit der ökonomischen bzw. politischen Situation in Gesellschaft verbunden. Gramsci erweitert das Marxsche Basis-Überbau Modell, indem er die Gesellschaft in drei Sphären untergliedert. Die Sphäre der gesellschaftlichen Produktion, die politische Sphäre sowie die Sphäre der Zivilgesellschaft.
Die Sphäre der gesellschaftlichen Produktion wird beherrscht von den spezifisch kapitalistischen Produktionsverhältnissen mit all ihren Erscheinungsformen, also vertraglich geregelter Kauf bzw. Verkauf der Ware Arbeitskraft, Produktion und Reproduktion, Akkumulation, Eigentum etc.
In die politische Sphäre kann man, krude gesprochen, die Administration, Justiz, Polizei sowie das Militär einordnen. Aber auch Bildungs- und Familienpolitik, die Absicherung und Organisation von Sozial- und Arbeitslosenversicherungen, also all das, was unter dem Oberbegriff Sozialpolitik firmiert.
Die Sphäre der Zivilgesellschaft ist der Ort der Privatinstitutionen, der Familie, der Vereine, der Kirche, der Ort der Kultur. Hier wird das organisiert was Gramsci „kulturelle Hegemonie“ nennt.
Diese drei Sphären dürfen nicht getrennt voneinander gedacht werden. Sie sind „organisch“ verbunden. Die Sphäre der Zivilgesellschaft ist dialektisch zwischen die beiden anderen Sphären eingepasst, gleichzeitig durchzieht sie die gesamte Gesellschaft. Gramsci bezeichnet die Zivilgesellschaft als das „Stockwerk“ zwischen Struktur und Superstruktur im gesellschaftlichen Gebäude. Möchte man sich die Zivilgesellschaft als einen gesellschaftlichen „Ort“ vorstellen, so wird dort nicht nur kulturelle Hegemonie konstituiert, sondern auch Kritik artikuliert und sehr häufig, mit ihrem Erscheinen, absorbiert. Hegemonie ist immer nur relativ stabil und befindet sich in kontinuierlicher Dynamik.
Hier sei noch einmal ausdrücklich betont, das Zwang, neben aller passiven Revolution und mehr oder weniger subtiler Konstitution von Hegemonie, nicht verschwindet. Er tritt lediglich in den Hintergrund. Zu spüren bekommen ihn Gruppen die sich weder aktiv noch passiv subalternieren.
Von besonders hervorzuhebender Bedeutung für hegemoniale Projekte, ist die Gruppe der Intellektuellen. Dazu muss zunächst festgehalten werden, dass Gramsci in jedem Menschen einen Intellektuellen sah, da jeder Mensch in gewisser Hinsicht und gewissem Umfang mit seinem Verstand arbeitet. Er war der Auffassung, dass zwar jeder Mensch ein Intellektueller sei, aber nicht jeder als Intellektueller fungiere. Gramsci unterscheidet hier anhand der gesellschaftlichen Funktion die, wie er völlig richtig bemerkt, mit der beruflichen Qualifikation bzw. dem Akademischem Titel korreliert.
Gramsci unterscheidet zwei Hauptkategorien von Intellektuellen: die sog. organischen sowie die traditionellen Intellektuellen. „Jede gesellschaftliche Gruppe schafft sich, während sie auf dem originären Boden einer wesentlichen Funktion in der Welt der ökonomischen Produktion entsteht, zugleich organisch eine oder mehrere Schichten von Intellektuellen, die ihr Homogenität und Bewusstheit der eigenen Funktion nicht nur im ökonomischen, sondern auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich geben: der kapitalistische Unternehmer schafft mit sich den Techniker der Industrie, den Wissenschaftler der politischen Ökonomie, den Organisator einer neuen Kultur, eines neuen Rechts usw. usf….“ (Gramsci). Organische Intellektuelle sind, vergleichbar mit menschlichen Organen, spezielle „Funktionsausprägungen.“ Sie sind Träger spezieller Fähigkeiten und repräsentieren die gesellschaftliche Gruppe, die sie hervorgebracht hat. Henry Ford, der Namensgeber des Fordismus, ist einer der wichtigsten „organischen“ Intellektuellen des Spätkapitalismus. Er vereint in sich den Geschäftsmann, den Techniker und nicht zuletzt den Ideologen dieser entscheidenden Phase des Kapitalismus.
Jede maßgebliche gesellschaftliche Gruppe entwickelt sich im „Schoß“ der vorhergehenden ökonomischen Strukturen. Fragmente dieser Strukturen überdauern, als Relikte, den Niedergang der ökonomischen Gesellschaften. Gramsci will z.B. in den Kirchenmännern „Relikte“ aus alter Zeit erblicken, die verschiedene Gesellschaftsformationen überdauerten. Damit werden sie zu dem was er die traditionellen Intellektuellen nennt: „Die typischste dieser Intellektuellenkategorien ist die der Kirchenmänner, die lange Zeit (während einer ganzen historischen Phase, die sogar durch dieses Monopol zum Teil gekennzeichnet ist) einige wichtige Dienstleistungen monopolisiert hatten: die religiöse Ideologie, das heißt die Philosophie und die Wissenschaft der Epoche, einschließlich der Schule, des Bildungswesens, der Moral, der Justiz, der Wohltätigkeit, der Fürsorge usw.“ (Gramsci). Der Klerus repräsentierte, Gramsci zufolge, die organische Intellektualität der Aristokratie und hatte somit eine Monopolstellung in der gesellschaftlichen „Superstruktur“ bzw. dem gesellschaftlichen Überbau. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen (z.B. Teilen des Bürgertums) über unterschiedliche historische Epochen hinweg, entwickelte sich aus dieser Monopolstellung des Klerus „(…)allmählich der Amtsadel mit seinen eigenen Privilegien heraus; eine Schicht von Verwaltern usw., Wissenschaftler, Theoretiker, nichtkirchliche Philosophen usw.“ (Gramsci).
So entwickeln sich aus diesen Schichten von traditionellen Intellektuellen, einer überkommenen Gesellschaftsformation, die organischen Intellektuellen der nächsten ökonomischen Zivilisation.
Die traditionellen Intellektuellen, die den gesellschaftlichen Wandel überdauerten empfinden, mit Gramsci gesprochen, so etwas wie Korps-Geist. Es handelt sich um gesellschaftliche Eliten, die eine bestimmte, für kapitalistische Zivilisationen typische Berufshierarchie repräsentieren. Sie betrachten sich selbst als „klassenunabhängige“ Gruppen, die den herrschenden Gruppen rel. nahe stehen.
Bildet nun eine neue maßgebliche gesellschaftliche Gruppe (z.B. das Proletariat) eine oder mehrere Schichten organischer Intellektueller aus, so hängt der Erfolg dieser Gruppe, beim Kampf um gesellschaftliche Hegemonie, im wesentlichen davon ab, ob ihre Intellektuellen es fertigbringen, eine derart starke Anziehungskraft auf die traditionellen Intellektuellen auszuüben, dass diese assimiliert werden.

Wie geht eigentlich Massenloyalität???

Fordismus

„Mit Fordismus bezeichnen wir die kapitalistische Formation, die sich in den dreißigern bis fünfzigern dieses Jahrhunderts im Gefolge von Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg zunächst in den USA herausgebildet hat.“(Hirsch1986, S.46).
Unter dem Einfluss der USA erholte sich, der in der Weltwirtschaftskrise 1929 zusammengebrochene Weltmarkt. In dieser Zeit internationalisierten sich Finanzmärkte, die Produktion und der Handel. „Die fordistische Vergesellschaftungsform, die sich unter amerikanischer Hegemonie durchgesetzt hatte, weist eine Reihe international gemeinsamer und zusammenhängender Strukturmerkmale auf. Diese gestatten es den Fordismus als spezifische historische Form der kapitalistischen Gesellschaft zu identifizieren und hinsichtlich seiner gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Funktionszusammenhänge und Krisenmechanismen als Einheit zu untersuchen.“(Ebd, S.46).
Namensgeber dieser Gesellschaftsformation war der Amerikanische Automobilhersteller Henry Ford (1863-1947). Ford hatte es in den Jahren 1914/1915 geschafft, mittels der Einführung der Fließbandproduktion, der damit einhergehenden extremen Arbeitsteilung, der Strukturierung der Produktionsprozesse nach tayloristischen Gesichtspunkten sowie seinem neuen T-Modell, das Automobil zum allgemeinen Konsumgut zu machen.
Die Etablierung des Fließbands bedeutete eine enorme Steigerung der Produktivkräfte und damit eine Reduktion bestimmter Warenwerte. Produkte wie Kühlschränke, Automobile oder Waschmaschinen wurden zu Massenkonsumgütern. Kennzeichnend für den Fordismus ist die „Verkapitalisierung“ der Reproduktionssphäre der Arbeiter.
Es ist nicht möglich einen klaren Ausgangs- bzw. Endpunkt dieser Phase zu markieren. Allerdings geriet der Fordismus in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in eine Krise, die mit der ersten Ölkrise 1973 wohl ihren Höhepunkt erlebte. Als das „schleichende“ Ende des Fordismus, das sich bis heute fortsetzt, können wohl der Beginn der Ära Thatcher in Großbritannien, die Regierungsphase von Ronald Reagan in Amerika und die Ära Kohl in Deutschland, etwa ab Mitte der 1970er Jahre gesehen werden.
Wie viele andere Nationen versuchte auch die BRD durch „deficit spending“ der Krise in den 60ern und 70ern beizukommen, was in umfangreiche Programme zur Stärkung der Infrastruktur mündete. Von diesen „profitierte“, nicht zuletzt aufgrund seiner spezifischen gesellschaftlichen Aufgaben auch der soziale Sektor.
Einige für den Fordismus typische Organisationen bzw. Institutionen halten sich bis heute oder wurden in der BRD erst vor kurzem umstrukturiert wie z.B. das Arbeitsamt (Hirsch2002).
In vor-fordistischen Gesellschaftsformationen, in denen die Industrialisierung noch nicht weit voran geschritten war, erfolgte die Reproduktion der Arbeiter noch weitgehend unabhängig vom Kapital und unterlag somit noch in keiner besonderen Weise den für kapitalistische Gesellschaften typischen Akkumulationszwängen.
Die lang anhaltende Prosperität der fordistischen Phase beruhte stark auf der marktwirtschaftlichen Erschließung der Sphäre der Reproduktion, die stark mit der Ausbreitung neuer Produktionstechnologien wie z.B. dem Fließband zusammenhing.
„Mit der Durchkapitalisierung des Reproduktionsbereichs und der Zurückdrängung traditioneller Formen der Subsistenwirtschaft (wurde ein großer Teil der Gesellschaft von dem nun enormen Bedarf an Arbeitskräften in den Fabriken absorbiert, Anm. d. Verf.) ist der überwiegende Teil der Gesellschaft den Arbeitnehmerrisiken (bei Krankheit, Invalidität, Arbeitslosigkeit und im Alter) direkt ausgesetzt.“(Hirsch1986, S.54).
Die Energie Proletarischer Wiederständigkeit und die damit einhergehende Eingebundenheit vieler Arbeiter in traditionelle soziale Zusammenhänge, Milieus und Lebensformen in vor-fordistischen Gesellschaften, speiste sich aus dem deutlicher zu Tage tretenden gesellschaftlichen Hauptwiederspruch.
Durch das „Kaschieren“ des gesellschaftlichen Hauptwiederspruchs z.B. durch höhere Löhne und die damit verbundenen gesteigerten Möglichkeiten zum Konsum, wurden jene traditionellen Lebensformen und Milieus geschwächt und durch die dem Fordismus adäquatere „Kleinfamilie“ sowie ein von staatlicher Seite etabliertes Gesundheits- und Sozialsystem weitgehend ersetzt.
Die Entwicklung und Stärkung urbaner Ballungsräume erfuhr in der Phase des Fordismus einen neuerlichen Schub. Allerdings ist dieser, zumindest in den industriell hoch entwickelten Regionen nicht mit der Urbanisierung, die mit der ursprünglichen Akkumulation am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts einherging zu vergleichen.
Mit den mit der Durchsetzung neuer Produktionstechniken einhergehenden Produktivkraftsteigerungen kam es zunächst zu einer umfassenden Dequalifizierung der Arbeiterschaft. Mit dem Ausbau staatlicher Bürokratisierung und dem ihm angehörenden „sozialen“ Netz stieg der Bedarf an Angestellten und Beamten.
Der Krise in den sechziger Jahren wollte man von politischer Seite u. a. mit einer verstärkten Qualifizierung des fordistischen Massenarbeiters begegnen. Mit diesen gegenläufigen Entwicklungen kam es sukzessive zu massiven Veränderungen der inneren Struktur der „Arbeitnehmerschaft“ in den entwickelten Industriemetropolen. Es kam zu einer zunehmenden „Entproletarisierung“.
Die Etablierung des Fordismus und seiner spezifischen Produktionsorganisationen war mit enormen gesellschaftlichen Umwälzungen verbunden. Diese zeigten sich unter anderem in der Auflösung traditioneller Subsistenzformen, durch erneute Urbanisierungstendenzen sowie eine Neuartikulation, des der ökonomischen Zivilisation adäquaten Familientypus. „Rückte die Familie so in das Zentrum des Vergesellschaftungszusammenhangs, Brutstätte leistungswilliger und disziplinierter Arbeiter-Konsumenten, als soziales und emotionales Integrationsmittel einer atomisierten Massengesellschaft fungierend, erscheint sie aber zugleich angesichts der auf sie zukommenden Ansprüche, in ihrer sozialen Isolation und in ihrer prekären ökonomischen Lage als äußerst gefährdet“(Ebd. S.57). Ob Familie die notwendige gesellschaftliche Konditionierung noch weiter bewerkstelligen konnte, wurde bzw. wird immer fraglicher, als soziales Sicherheitsnetz taugte bzw. taugt sie aber kaum noch. Eine den Sachzwängen geschuldete voranschreitende Individualisierung vieler Menschen konnte sie eben so wenig auffangen, wie sie den immer größer werdenden Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitskräften gewährleisten konnte. Daher wurde die fordistische Familie auch gleich mit ihrer Durchsetzung und festen Etablierung in der Gesellschaft, zum Gegenstand zahlreicher staatlicher „…Kompensations-, Betreuungs- und Stützungsaktivitäten…“.(Ebd., S.57f.) Aus diesen Notwendigkeiten die Familie zu unterstützen aber auch aus der Notwendigkeit heraus, den der steigenden Komplexität der ökonomischen Zivilisation gewachsenen Menschen zu enkulturieren, entwickelte sich ein vielfältiges Netz bestehend aus den verschiedenen Sozialversicherungen und unterschiedlichsten sozialen Diensten. Diese wurden mit ihren spezifischen Institutionen zu den sozialen Verwaltern des für den Fordismus in der BRD so typischen Gesellschaftskompromisses.
Die Stabilisierung der Hegemonie von gesellschaftlichen Gruppen im Fordismus beruhte stark auf der wirtschaftlichen Prosperität dieser Phase, die Massenkonsum in unterschiedlichsten Erscheinungsformen und Ausprägungen gewährleistete, gewährleisten musste. Auch die Kulturindustrie die einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf den Alltagsverstand hat, soll hier kurz erwähnt sein. Die wichtigste Methode einen gesellschaftspolitischen und tragenden Kompromiss zwischen den Gewerkschaften, Parteien und Arbeitgeberverbänden zu erreichen war der Korporatismus.

Wohlfahrt und Wohlfahrtsverbände

Von besonderer Bedeutung für die Organisation von „Konsens“ auf breiter gesellschaftlicher Ebene ist der Einfluss von Institutionen wie etwa den Wohlfahrtsverbänden.
Zwischen 1933 und 1938 handelte man in den USA, als Antwort auf die verheerenden Folgen der Weltwirtschaftskrise 1929 den sog. New Deal aus, welcher eine Reihe von wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen bzw. Sozialreformen nach sich zog. „Aber ein großer Teil der Wohlfahrtsgesetzgebung der dreißiger Jahre war von anderer Art. Es handelte sich um Sozialgesetze zum Zweck öffentlicher Fürsorge. Die Bundesregierung verwirklichte zahlreiche Programme mit dem Ziel, die Arbeitslosen, die Alten und die Ausgebeuteten zu unterstützen, sei es durch direkte Hilfsleistungen, durch Arbeitsbeschaffungsprogramme oder durch regulierende Bestimmungen, die die Arbeitgeber zu größerem Entgegenkommen zwingen sollten.“(Conkin1967).
Der New Deal unter dem Amerikanischen Präsidenten Roosevelt kennzeichnete in den USA den Beginn einer Ära, die von massiven sozialen Auseinandersetzungen zwischen Regierung, wirtschaftlichen Interessengruppen und Gewerkschaften geprägt war.
In Deutschland kann die Idee der Wohlfahrt bzw. des Wohlfahrtsstaates mit dem aufgeklärten, absolutistischen Preußen in Zusammenhang gebracht werden und war schon damals mit der Vorstellung des „sozialen Friedens“ verbunden. Die spezifische Finanzierungsform des Sozialversicherungssystems in Deutschland ist eng mit dem Namen Otto von Bismarck, dem ersten Deutschen Reichskanzler verwoben. Bismarck versprach sich von der Kombination einer Sozialversicherung mit den Sozialistengesetzen eine „nachhaltigere“ Wahrung des Friedens im Reich, als er durch bloßen Zwang zu erreichen war. Innerhalb der Arbeiterschaft kamen damals mit der verstärkten Verbreitung sozialistischer Ideen, revolutionäre Tendenzen auf, denen es zu begegnen galt.
Von 1848-1924 kam es zu einer Reihe von Neugründungen von Ausschüssen und Wohlfahrtsverbänden wie z.B. 1866 der Gründung der „Vaterländischen Frauenvereine vom Roten Kreuz“ als Vorläufer des „Roten Kreuzes“ (DRK) oder 1919 der Gründung der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Im Jahre 1923 gründet sich die „Deutsche Liga der Freien Wohlfahrtsverbände“ und 1924 wird der Paritätische Wohlfahrtsverband gegründet. Während des Nationalsozialismus werden viele Wohlfahrtsverbände von den Nazis vereinnahmt, wirklich verboten wird nur die Arbeiterwohlfahrt. Ab 1945 nehmen die Verbände ihre Arbeit wieder auf.
Neben anderen Institutionen wie z.B. dem Arbeitsamt ist der Wohlfahrtsverband eine der Institutionen, die den spezifischen Charakter des etatistisch, korporatistisch organisierten Sozialstaates in der BRD ausmachten bzw. immer noch ausmachen.
Die freie Wohlfahrtspflege bezeichnet in der BRD Zusammenschlüsse von Wohlfahrtsverbänden die entweder aus religiösen, humanitären oder politischen Motivationen heraus, soziale Hilfen auf frei gemeinnütziger Grundlage zur Verfügung stellen. In der Bundesrepublik gibt es gegenwärtig sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege. Jeder Wohlfahrtsverband ist eine Dachorganisation für meist mehrere tausend kleinere Unternehmen mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Hilfsangeboten. Die Wohlfahrtsverbände und hier sei gerade auch der Paritätische genannt, haben zudem unterschiedliche Tochtergesellschaften und Partner wie z.B. die Bank für Sozialwirtschaft. Die Wohlfahrtsverbände arbeiten nicht primär gewinnorientiert.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband e.V. ist einer der sechs Spitzenverbände für die freie Wohlfahrtspflege in der BRD. Nach dem Ersten Weltkrieg ursprünglich als Zweckbündnis freier Krankenhausträger gegründet, hat sich der Paritätische inzwischen zu einem anerkannten Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege entwickelt.
Er ist Dachverband von nahezu 10.000 eigenständigen Organisationen, Einrichtungen und Gruppierungen im Sozial- und Gesundheitsbereich. Zu den vom Paritätischen repräsentierten Vereinigungen und Organisationen gehören unter anderem der Sozialverband VdK, der Arbeiter-Samariter-Bund, die Volkssolidarität, der Guttemplerorden, das Deutsche Jugendherbergswerk und diverse anthroposophische Gemeinschaften aber auch Organisationen wie der Verband alleinstehender Väter und Mütter, der Deutsche Kinderschutzbund, Pro Familia, Frauenhäuser, Migranten-Organisationen, Arbeitsloseninitiativen.
Zu seinen Hauptaufgaben zählt der Verband: Die fachliche, rechtliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Absicherung seiner gemeinnützigen Mitgliedsorganisationen, die Qualifizierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Förderung ehrenamtlichen Engagements, die Weiterentwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis für die soziale Praxis, die Zusammenarbeit zwischen freier Wohlfahrtspflege und Entscheidungsträgern sowie Entscheidungsträgerinnen in Politik und Verwaltung.
Um die oben genannten Ziele zu erreichen bedient sich der Verband folgender Instrumente: Soweit dies erforderlich, kann er entsprechende Zweckbetriebe schaffen oder sich an solchen beteiligen. Informationen und Beratung der Mitgliedsorganisationen in fachlicher, rechtlicher und wirtschaftlicher Hinsicht. Es können auch Mittel zur Finanzierung entsprechender Beratungsangebote an die Mitgliedsorganisationen gegeben werden. Im Rahmen der steuerrechtlichen Zulässigkeit sowie der Verfügbarkeit entsprechender Mittel werden Zuschüsse sowie zinsgünstige oder zinslose Darlehen vermittelt und zur Verfügung gestellt.
Weiterhin sieht sich der Paritätische in einer sozialanwaltschaftlichen Position.
In Form von Armutsberichten und sozialpolitischen Konzepten will der Verband soziale Missstände aufzeigen und so einen Beitrag zur Verbesserung von Sozialpolitik leisten.
Zu den Prinzipien des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes gehören die Verbreitung einer demokratischen Gesinnung, Toleranz und Offenheit als Grundlagen sozialer Arbeit.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband arbeitet mit anderen Verbänden in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege zusammen. Außerdem sitzt er in Gremien wie dem Jugendhilfeausschuß und Organisationen, die der sozialpolitischen Meinungsbildung dienen, wie z.B. dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge, der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, der Arbeitsgemeinschaft Jugendhilfe usw. Darüber hinaus engagiert sich der Paritätische in fachspezifischen Organisationen wie der Deutschen Krankenhausgesellschaft, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für Behinderte, der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren und im Kuratorium Deutsche Altershilfe.
Die Finanzierung eines solchen Verbandes der freien Wohlfahrtspflege kann folgendermaßen aussehen: Der KVJS (ehemals Landeswohlfahrtsverband Württemberg-Hohenzollern) ist ein überörtlicher Träger der Sozialhilfe, Jugendhilfe und Kriegsopferfürsorge. Er wird getragen und finanziert von den 9 Stadt- und 35 Landkreisen Baden-Württembergs. Der Etat des KVJS liegt im Jahr 2009 bei rund 101 Millionen Euro. Wichtigste Einnahmequelle ist die Verbandsumlage, bezahlt von den Land- und Stadtkreisen in Baden-Württemberg. Im Jahr 2009 beträgt sie rund 0,133 Prozent der Steuerkraftsummen der Stadt- und Landkreise plus rund 1,61 Euro pro Einwohner. Hinzu kommen rund 88 Millionen Euro aus dem Haushalt der Ausgleichsabgabe. Ausgleichsabgabe wird von Arbeitgebern bezahlt, die schwerbehinderte Menschen nicht oder in zu geringem Umfang beschäftigen. Diese Mittel dürfen nur für die berufliche Eingliederung schwerbehinderter Menschen verwendet werden. Somit verwaltet der Kommunalverband insgesamt rund 189 Millionen Euro.
Die Vorstandsmitglieder die alle ehrenamtlich tätig sind kommen zu einem großen Teil aus der Politik und bekleiden zum Teil auch gegenwärtig rel. wichtige Ämter. So ist z.B. die Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Heidi Merk, eine langjährige und erfahrene SPD Politikerin. Von 1978 bis 1981 war sie die Geschäftsführerin der SPD-Ratsfraktion in Hannover, von 1982 bis zur Wahl in den Landtag 1986 stellvertretende Leiterin des Jugendamtes.
Von 1986 bis 2007 war sie Mitglied des niedersächsischen Landtages und von 1990 bis 1996 niedersächsische Justizministerin, von 1996 bis 1998 niedersächsische Ministerin für Justiz und Europa-Angelegenheiten, von 1998 bis 2000 Ministerin für Frauen, Arbeit und Soziales sowie stell-vertretende Ministerpräsidentin Niedersachsens. Seit März 2008 ist sie ehrenamtliche Vorsitzende des Paritätischen.
Der erste der beiden Stellvertreter, Dr. Eberhard Jüttner, ist Humanmediziner und Vorsitzender des Paritätischen Landesverbandes Sachsen-Anhalt, Präsidiumsmitglied beim Deutschen Verein und stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe. Beruflich ist er als ärztlicher Gutachter im Bereich Schwerbehindertenrecht beim Versorgungsamt Halle aktiv.
Cord Wellhausen, zweiter Stellvertreter war bis 2003 Direktor und Personalchef für leitende Angestellte in einem bedeutenden Industrieunternehmen in NRW, heute ist er Unternehmensberater. Außerdem ist er Beisitzer im Kreisverband der FDP im Rhein-Kreis Neuss.
Die Vorstandsvorsitzende wurde für eine bestimmte Periode von der Mitgliederversammlung, die auch den Verbandsrat wählt, gewählt. Der Verbandsrat wiederum wählt aus seiner Mitte die beiden Stellvertreter/innen der Vorstandsvorsitzenden.

Konsens

Gramsci unterteilte die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft in drei Sphären. Die Sphäre der gesellschaftlichen Produktion, die Sphäre der politischen Gesellschaft und die Sphäre der Zivilgesellschaft, nicht zu verwechseln mit der heute von Politik propagierten Zivilgesellschaft mit deren Hilfe durch eine Förderung bürgerschaftlichen Engagements mehr Demokratie erreicht werden soll. Die Zivilgesellschaft ist der Ort an dem scheinbar „Privatsphäre“ statt findet. Sie ist „dialektisch“ zwischen die Sphäre der gesellschaftlichen Produktion und die politische Sphäre eingepasst und gleichzeitig durchzieht sie alle Bereiche des historischen Blocks. Hier finden die Kämpfe um kulturelle Hegemonie statt.
Gramsci war der Überzeugung, dass die Stabilität der Hegemonie der bürgerlichen Eliten auf ihrer Kompetenz zur Organisation von Konsens beruhte. Wobei diese Kompetenz maßgeblich von der Fähigkeit abhängt, den gesellschaftlichen Hauptwiederspruch zu kaschieren bzw. auf zivigesellschaftlicher Ebene mit kulturellen Mitteln „Einverständnis“ zu erzeugen. Dennoch ist Hegemonie keine Strategie irgendeiner Gruppe die sie zielgerichtet einsetzt, sondern vielmehr der Schauplatz gesellschaftlicher Grabenkämpfe, in deren Verlauf Vorherrschaft immer wieder neu stabilisiert werden muss.
Zwang verschwindet aber keineswegs aus der Gesellschaft. Nicht umsonst sprach Gramsci von einer „Hegemonie gepanzert mit Zwang“. Dieser herrscht in allen gesellschaftlichen Sphären. In der Zivilgesellschaft kommt der Zwang z.B. dann zum Tragen wenn Politik Einfluss auf Lehrpläne nehmen will, um den Verstand, der der ökonomischen Zivilisation adäquaten Menschen zu strukturieren.
Die freie Wohlfahrtspflege bzw. die Wohlfahrtsverbände scheinen nicht zuletzt aufgrund ihrer spezifischen Struktur, Spiegelbild der eigentümlich strukturierten bundesrepublikanischen Gesellschaft und Schauplätze der Kämpfe um Hegemonie in den Sphären der Gesellschaft zu sein. Sie sind die Verwalter der Organisationen die durch sozialstaatliche Wohlfahrtsmaßnahmen die Auswirkungen des Konflikts zwischen den gesellschaftlichen Gruppen abmildern sollen.
Mit religiösen, humanitären und auch politischen Zielsetzungen geht es darum soziale Hilfen zu leisten, aber eben auch, oder gerade dadurch auf den Alltagsverstand der Menschen einzuwirken. Dies geschieht z.B. über gesellschaftliche Einflussnahme in Form von wissenschaftlichen Beiträgen zur Weiterentwicklung von sozialer Arbeit oder durch die Mitarbeit in verschiedenen Gremien wie dem Jugendhilfeausschuss.
Auch die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder bzw. Mitglieder, Partner und Tochtergesellschaften z.B. des Paritätischen sprechen für meine Thesen. Organisationen die mit unterschiedlichsten Zielrichtungen und Arbeitsweisen den Menschen „helfend“ zur Seite stehen, aber eben auch darüber mitentscheiden wer als gesund oder normal gilt. Einige dieser Organisationen wie z.B. Pro Familia nehmen zusätzlich zu ihrem spezifischen Hilfsangebot auch noch ein politisches Mandat wahr. Man sollte sich vergegenwärtigen, dass man es mit Dachverbänden zu tun hat, die zum Teil fast zehntausend mehr oder weniger eigenständig operierende soziale Organisationen unter ihrem „Dach“ versammeln. Jede dieser Organisationen, einige mehr andere Weniger, nehmen mithilfe professioneller Normalisierungsagenten Einfluss auf das Bewusstsein ihrer Adressatinnen und Adressaten und damit auf gesamtgesellschaftlich Diskurse.
Die Tatsache dass der Paritätische sich selbst in der Rolle eines sozialen Anwalts sieht und über Armutsberichte und sozialpolitische Konzepte auf gesellschaftspolitischer Ebene Rückmeldung über soziale Missstände gibt, sich aber andererseits mit der Beschäftigung von Ein-Euro-Jobbern an gesellschaftlichen Disziplinierungsmaßnahmen von Arbeitslosen beteiligt (Hanke2005), zeigt dass es eben keine einheitlichen Organisationen mit geeinten Stoßrichtungen sind, sondern gesellschaftliche Kampfplätze und Spiegelbild gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Dieser Umstand legt zugleich die Funktion der Verbände offen, gesellschaftlichen Konsens mit zu organisieren. Gleichzeitig besteht hier, gerade aufgrund der vielen kleinen Teilorganisationen auch das Potential hegemoniale Diskurse zu beeinflussen.
Die Wohlfahrtsverbände die in der prosperierenden Phase des Fordismus ihre Blütezeit erlebten und deren Aufgabenfelder damals in der Versorgung Kriegsversehrter, von Menschen mit Behinderung und der Versorgung von älteren Menschen bestand, sind immer noch eine starke Institution in der BRD. Sie waren zwar selbst immer wieder von Spar- u. Rationalisierungskursen ehrgeiziger Politkampagnen betroffen, aber sie haben sich doch als robust genug erwiesen. Diese Widerstandsfähigkeit resultiert aus der Kompetenz zur Anpassung und der Nützlichkeit die sie für die Organisation von Konsens nach wie vor haben.